Das muss unter die Haut gehen...


Interview mit dem Chorleiter Peter Augst anlässlich des zehnjährigen Chorjubiläums


Das Gespräch führte das Chorus-Mitglied Heinz-Ehlert Mohr

A. Zur Zusammenarbeit mit dem Chorus

Zehn Jahre Chorus Berlin. Wie hat die Zusammenarbeit angefangen?

Der erste Anruf von der Gruppe "Berlin-Singers", die einen Chorleiter suchten, ist schon vierzehn Jahre her. Viel später kam es zum ersten Treffen mit sieben Leuten, einige Wochen später waren es schon sechzehn, siebzehn, die sich dann noch später in Chorus Berlin umbenannt haben. Ursprünglich wollten die Mitglieder eher eine kleine Gruppe bleiben und kleine Aufführungen machen. Ich habe aber gleich gesagt: Wenn ich das mache, wenn ihr euch einen qualifizierten Mann holt und von dem zu Recht Topleistungen erwartet, dann muss dieser Chor im Konzertleben auch eine Rolle spielen. Als ich dann klassische Werke einbezog, haben etliche das nicht akzeptiert und sind abgewandert. So nach und nach konnte ich aber auch viele überzeugen, indem ich z.B. durch eigene Arrangements Sachen singbar gemacht habe, die es vorher so gar nicht gab. Andere vorhandene Arrangements habe ich neu geschrieben, weil sie nicht klangen, z.B. die ABBA-Titel. Dabei bemühe ich mich, die Original-Tonart zu belassen, was manchmal dazu führt, das nicht der Sopran die Melodiestimme hat, sondern die Altistinnen oder die Tenöre, was für den Chor auch interessant ist. Für den Chor etwas Singbares herzustellen und dann durchzuführen, das ist es, das ist sehr schön. Oftmals habe ich Arrangements gemacht, um dem Chor Kosten zu sparen, denn Notenmaterial ist wahnsinnig teuer. Oder, wenn eine Band zu teuer ist, habe ich deren Part in das Orchester oder eben in den Chor gesetzt. Bei "He ain't heavy" war das z.B. so.

Wenn du zurück blickst, würdest du sagen, dass beim Chorus eine Entwicklung stattgefunden hat?
Auf jeden Fall. Z.B. was die Singkultur angeht - und zwar ausschließlich dadurch, dass der Chor auch Klassik gesungen hat. Wenn man nur Popmusik macht, führt das meistens zu klappriger dynamischer Ungenauigkeit. Außerdem ist der Chor durch die Beschäftigung mit der Klassik in den hohen Lagen freier geworden, übrigens nebenbei auch schneller. Und: Vor fünf, sechs Jahren hätte ich nie gedacht, den Chor mal etwas vom Blatt singen zu lassen. Das wäre total schief gegangen. Heute ist das möglich. Das Absinken in der Tonhöhe ist ja auch immer ein Problem. Das kommt sehr auf den jeweiligen Zustand des Chores an, d.h. auf das Programm, mit dem er sich gerade beschäftigt.

In fast allen Konzerten, die du mit dem Chorus Berlin erarbeitet hast, hast du Klassik mit anderen Musiktraditionen und -stilen kombiniert.
Ich glaube nicht, dass es in Berlin einen großen Chor mit einem ähnlichen Profil gibt.

Was reizt dich an dieser Mischung?
Es gibt viele Chorsänger und -sängerinnen, die eben nicht nur Messen oder nur Jazz singen wollen. Und es ist natürlich auch mein eigenes Interesse: Ich bin neugierig, ich möchte "Alles" machen, alles Gute machen. Mich interessiert es, Verschiedenes zusammenzubringen, beim Arrangieren z.B. klassische Elemente in die Popstücke hineinzunehmen, indem ich den Chor klassisch setze, oder in ein klassisches Werk Rockelemente einzufügen.

Einige Male haben du und der Chor ja auch mit der Band "StuntArt" zusammengearbeitet.
Ja. Die habe ich kennengelernt während meiner Arbeit in Bad Freienwalde. Als ich einmal in der wunderbaren Landschaftskulisse mit dem Schiffshebewerk Niederfinow war, hatte ich die Idee, dort etwas zu machen. Die Stadt Freienwalde hat mir dann angeboten ihre Freilichtbühne als Ort angeboten und mich dort mit den Sommerkonzerten beauftragt.

Auch da hast du eine bunte Mischung aufgeführt?
Ein Opernprogramm war dabei und vor allem die "Carmina Burana" mit dem Chorus.

Im August 2003 habt ihr ein Programm "Carmen meets Quasimodo" aufgeführt, also wieder die Verbindung Oper und Popmusik. Könnte man sagen, dass dich nicht nur interessiert, Musikstile oder Genres nebeneinanderzustellen, sondern auch miteinander zu verbinden?
Unbedingt. Man muss schon den Zusammenhang sehen.So wie bei dem "Requiem" von Jenkins ja auch ein thematischer Zusammenhang zwischen dem Requiem europäischer Art und den japanischen Gedichten besteht.

Wie ist es zur Zusammenarbeit mit der "Filharmonia Zielonogòrska" gekommen? Ich suchte ein großes Orchester für die "Carmina Burana". Die Zusammenarbeit mit Projekt-Orchestern in Berlin war schwierig, wegen der mangelhaften Probenkontinuität und aus ökonomischen Gründen. In Frankfurt/Oder wies man mich dann auf die Filharmonia hin. Natürlich kenne ich ihren Chefdirigenten, Herrn Grabowski, gut, der sehr auf Kontinuität und eine gute Mischung von jungen und erfahrenen Musikern achtet. Auf Wunsch des Chorus waren wir ja auch einmal dort in Polen und haben "Margarethe" konzertant aufgeführt. Das war sehr schön.

Dann habt ihr ja auch mit einem dänischen Chor zusammengearbeitet.
Ja. Der Chor "vocal pleasure" ist etwas kleiner als der Chorus, aber die haben einen so genialen Chorleiter und Pianisten, dass ich begeistert war. Übrigens ist es bemerkenswert, dass ein Chor immer wieder eine Entwicklung durchmacht: Bei vielen Werken zeigt sich zu Beginn der Arbeit Widerstand. Im Laufe der Proben verändert sich dann oft die Einstellung und am Schluss sind die meisten dann doch begeistert. Bei "Carmina Burana" war das z.B. sehr deutlich.

Ich glaube, beim "Requiem" ist das auch so. Am Anfang bist du ja sowieso meist derjenige, der viel ziehen und schieben muss.
Das ist normal, das ist mein Job. Manchmal ist es aber schon schwer für mich zu merken, wie andere Menschen so wenig neugierig sind. Es ist doch wichtig, bei einem neuen Werk wissen zu wollen, wie das geht und auch ein gewisses Vertrauen in den Chorleiter zu haben. Ich versuche stets, das Beste zu geben und zu machen.

Man merkt bei den Proben, dass du von der Musik selbst begeistert bist. Das kommt an und dem kann man auf die Dauer auch schwer widerstehen.
(lacht) Ja. Das würde ich natürlich nicht machen, wenn ich nicht nach wie vor gerne mit dem Chor arbeiten würde! Gleichzeitig habe ich ja gesagt, dass ich nur noch eine begrenzte Zeit da sein werde.

Gab es für dich einen Höhepunkt in den letzten zehn Jahren?
Eigentlich ist jedes Konzert ein Höhepunkt, aber die "Carmina Burana" in Bad Pyrmont (wo man uns gerufen hatte, weil man uns wollte!), das war schon etwas Besonderes.

Wie soll es weiter gehen?
Grundsätzlich wie bisher mit der -vereinfacht gesagt: Klassik-Pop-Mischung. Was nach meiner Zeit kommt, ist natürlich offen.

B. Biographisches

Wie bist du zur Musik gekommen?
Ich bin durchaus klassisch "belastet", weil ich schon sehr früh Klavier gespielt und gelernt habe, allerdings auch bald außerhalb des üblichen Unterrichts nichtklassische Stücke aus dem Radio nach Gehör gespielt habe. Ich konnte sehr schnell auswendig spielen und entwickelte Interesse an der Pop-Musik. Schon während des Studiums spielte ich in Bands. In der Unterrichtstätigkeit nach dem Studium habe ich dann aber sehr auf die solide Ausbildung im klassischen Handwerk, vor allem in der Technik geachtet. Wenn man das kann, kann man auch Anderes machen. In dem Sinne arbeite ich ja auch mit dem Chorus.

Klavier ist also dein Hauptinstrument.
Ja. Ich habe allerdings auch Cello studiert und Orchestererfahrung, was mir bei der Arbeit besonders mit den Streichern sehr zugute kommt. So bin ich in die Musik hineingekommen und war dabei nie festgelegt. Für mich war immer wichtig, die Musik zu erleben, mit meiner ganzen Seele. Wenn ich eine Oper höre oder die Partitur lese, dann leide ich mit dem Helden mit! Das versuche ich auch dem Chor mitzugeben. Das Erleben der Musik ist das Entscheidende. Das muss unter die Haut gehen...

C. Jenkins, "Requiem"

Wie bist du zu Jenkins gekommen?
Nachts im Auto auf dem Nachhauseweg habe ich bei Klassik-Radio das "Agnus Dei" aus "The Armed Man" gehört. Das musste ich mir besorgen. Nach langem Suchen habe ich es dann auf einem Sampler gefunden und erfahren, dass es aus einer Messe ist.

Nach dem, was du bisher gesagt hast, passt Jenkins ja sehr gut zu dir und dem Chorus. Er wuchs in Wales auf, hat dort und später dann an der Royal Academy of Music in London studiert und führt u.a. auch Pop und Klassik zusammen.
Ja, ich schätze ihn sehr. Er ist ja nicht erst nach seinen Erfolgen als Jazz- und Popmusiker zur Klassik gekommen, sondern hat schon durch Ausbildung und Studium eine solide klassische Grundlage gehabt. Das Faszinierende bei Jenkins ist dieses Crossover - dass er verschiedene Bereiche abdeckt und auch ethnische "Worldklänge" mit hinein nimmt.

Und gleichzeitig hat er eine deutlich zu erkennende eigene Handschrift.
Ja. Ich finde z.B. die harmonischen Rückungen bei ihm außerordentlich interessant. Dabei sind sie nicht unüblich, die gab es schon bei anderen, Bach usw. Aber wenn Jenkins z.B. im "Requiem" bei den letzten beiden Haikus von den Männerstimmen unten die lateinische Liturgie und oben von den Frauenstimmen den japanischen Text mit immer wieder gleichen Melodien singen lässt und dann harmonisch etwas ganz Unterschiedliches darunter stellt - das ist toll.

Er hat ja auch oft durchgehend den gleichen betonten Rhythmus und baut dann darüber verschiedenste Melodiebögen.
Allerdings. Das wird noch viel Arbeit mit der Filharmonia Zielonogòrska. Die Streicher sind da sehr wichtig und die umfangreiche Percussion. Das "Adiemus" ist mit acht Schlagzeug-Parts besetzt!

Wie findest du die Unterstützung durch die Deutsch-Japanische Gesellschaft und andere japanische Institutionen hier in Berlin?
Ich begrüße das sehr. Der japanische Anteil am "Requiem" ist sehr interessant, eine spannende Gegenüberstellung mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Z.B. im Schlussgesang, wo Jenkins die Harfe einsetzt, die ja traditionell mit ihrem sphärischen Klang eingesetzt wird, aber auch wassertropfenähnlich klingt. Da sind wir dann beim Inhalt der Haikus, beim Kreislauf des Wassers. Ja. Die Liturgie einer kirchlichen Messe mit Dies Irae und Rex Tremendae, also einer harten Verurteilung und dann mit dem Hilfeschrei nach Erlösung von der Höllenqual klingt ganz anders als das Verständnis von Leben und Tod in der japanischen Kultur. Die Vorstellung vom Kreislauf des Lebens klingt viel versöhnlicher.

Wie bist du auf die "Adiemus"-Lieder gekommen?
Die "Adiemus"-Lieder (Songs of Sanctuary) kannte ich schon länger. Der Text ist erfunden, die Worte nehmen alte ethnische Laute und Klänge von Musikinstrumenten auf. Die Stücke sind rhythmisch sehr interessant. Da gibt es noch viel zu tun.

Hast du das Gefühl, die Lieder passen besonders zum "Requiem"?
Ja. Zum einen natürlich dadurch, dass sie auch von Jenkins sind. Zum Andern: Früher haben wir nur Einzeltitel gesungen. Mehr und mehr haben wir uns größere zusammenhängende Werke erarbeitet, den "Messias"-Teil z.B.. Diese Entwicklung spiegelt sich jetzt innerhalb des Konzertes wieder. In den Liedern finden sich außerdem Klänge und Harmonien, die auf das "Requiem", das später entstanden ist, hindeuten. "Sanctuary" heißt übrigens Heiligtum, Asyl; also bewegen wir uns schon in der gleichen Sphäre. Außerdem suchte ich etwas für kleine Orchesterbesetzung.

Würdest du dich als religiös bezeichnen?
Ich bin religiös erzogen, aber kein Kirchgänger. Die Lebensmöglichkeiten zwischen Himmel und Hölle sind ja sehr groß!

Interview mit Peter (pdf-Download)